Was auf der Strecke bleibt

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Accenture eine der zehn größten Digitalagenturen Deutschlands kauft: den Internetdienstleister SinnerSchrader. Im Fokus der Übernahme: Der Ausbau der eigenen Sparte Accenture Interactive. Aktionären, Kunden und Mitarbeitern stünden weitere Profite sowie spannende Projekte bevor, so die offizielle Meldung aus Hamburg.

Seit Jahren beobachten wir einen massiven Konsolidierungsprozess in der Digital-Branche. International tätige Beratungsfirmen schauen sich den deutschen Markt an und picken sich einzelne Agenturen heraus, die in ihr Portfolio passen – es im besten Fall erweitern. SinnerSchrader gesellt sich seit dieser Woche zu den Auserwählten rund um Aperto, Medienwerft, Lunar und Flow Interactive. Aus meiner Sicht ist die Gefahr groß, dass wesentliche Dinge auf der Strecke bleiben: die Firmenphilosophie, die Mitarbeiterbindung und die Handlungsschnelligkeit.

Was sich hinter dem inflationär gebrauchten Begriff der Unternehmens-DNA verbirgt, ist die Identifikation jedes einzelnen Mitarbeiters mit der Unternehmensgeschichte und den gemeinsamen Werten. Flache Hierarchien, Vertrauen und Verlässlichkeit gegenüber den Mitarbeitern und Kunden gehen unter und es spielen andere Werte eine Rolle. Überzeugungen aus der Retorte, auf Hochglanz poliert und übergestüplt, stehen dann im krassen Unterschied zu den ursprünglichen Erfolgsfaktoren und gewachsenen Strukturen der übernommenen Unternehmung.

Natürlich werden die Herausforderungen und Ansprüche in den Projekten immer größer. Gerade durch die Globalisierung wird die weltweite Verfügbarkeit von Dienstleistungen erwartet. Aber wir alle erleben, dass – je komplexer die Anforderungen in den Projekten werden – der Mensch umso mehr in den Mittelpunkt rückt. Und nach meinen Erfahrungen fühlen sich Mitarbeiter in Familienunternehmen sicherer, wohler und mehr persönlich angesprochen als in Konzernstrukturen. Zudem verlangsamen sich Entscheidungsprozesse und die Unternehmung verliert an Fahrt und Kreativität. Natürlich bestätigen wie immer Ausnahmen die Regel.

Ich will also nicht sagen, dass es grundsätzlich eine schlechte Idee ist, sich größeren Strukturen anzuschließen. Aber ein Selbstläufer ist es auf keinen Fall, und die Gefahr ist groß, sich über Jahre mit sich selber zu beschäftigen. Im persönlichen Umfeld kenne ich in diesem Zusammenhang leider mehr gescheiterte als erfolgreiche Projekte. Umso mehr wünsche ich Matthias Schrader und seinen Mitarbeitern viel Erfolg auf Ihrem Weg.

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